"Im Hause Longbourn" - Jo Baker

Während ich Stolz und Vorurteil von der wunderbaren Jane Austen gelesen habe, ist mir folgendes an den Dienstboten aufgefallen: ....

 

Ehrlich gesagt - gar nichts. Denn in diesem Roman (ich möchte fast "Klassiker" schreiben) bleiben die Dienstboten beinahe gesichtslos.

 

Jo Baker hat sich dieses "Misstandes" angenommen und haucht in ihrem Roman dem Personal Leben ein. Besonders gelungen ist hier, dass über jedem Kapitel das entsprechende Buchzitat aus dem Original aufgenommen wird, was es ermöglicht, die Geschehnisse der Bennetts zeitlich mit denen des Personals zu verbinden. 

 

Hauptfigur ist das junge Dienstmädchen Sarah. Sie bedient gemeinsam mit der jungen Mary (Polly genannt, da es im Haus unmöglich zwei Marys geben kann), der Haushälterin Mrs. Hill und ihrem Ehemann die uns so vertraute Familie. Eines Tages schließlich hat Mr. Bennet Neuigkeiten - er hat einen jungen Hausdiener angestellt. Zunächst macht Sarah sich Hoffnungen, doch der neue Mann im Haus entspricht absolut nicht ihren Erwartungen. Doch in der Atmosphäre des ewigen Kampfes um angemessene Ehemänner bleibt auch Sarahs Herz nicht lange verschont...

 

Es entwickelt sich eine Art Liebesdreieck zwischen den beiden Angestellten und dem Hauusdiener der Bingleys, das jedoch ganz im Sinne der damaligen Zeit ohne viel körperliche Annäherungen stattfindet - die Autorin passt sich hier dem Original und der Zeit an. Während Sarahs Geschichte einige Wendungen schlägt (hier verrate ich nicht zu viel), werden selbstverständlich auch die Geschehnisse im Herrenhaus eingewoben. So hört Sarah den Töchtern des Hauses beim Tratschen zu, während sie ihnen die Haare macht und in die Kleider hilft, wohingegen Mrs. Hill in den Genuss des endlosen Geplappers und Gejammers von Mrs. Bennet kommt. Die Figuren werden hier sehr gut übernommen und man erkennt die Familie Bennet eindeutig wieder, nicht nur in ihrem Verhalten sondern auch in der Ausdrucksweise.

 

 

 

 

Doch während die Gespräche noch nach Austen klingen mögen, ist der Schreibstil von Frau Baker ein ganz anderer. Nicht schlecht, nur verschieden. Sie legt hier den Fokus von Sarahs Eindrücken anders, als dies beim Original der Fall sein mag, schafft durch diesen Kontrast aber eine klare Abgrenzung der Charaktere. Sarah ist eben nicht Elizabeth, Sarah ist sie selbst. Die Autorin hält sich nicht mit zu vielen Details auf, malt ihre Geschichte jedoch farbenfroh und voller Eindrücke, so dass sie hier eine angenehme Leseatmosphäre schafft. 

 

Als Leser erfährt man einiges darüber, wie beschwerlich und anstrengend die Arbeit der Dienstboten war und auch, wie ihr gesellschaftlicher Platz aussah. Sarah hat in dieser Welt bereits ihren Platz gefunden und kann dies auch akzeptieren - wenn auch gedankliche Klagen über die harte Arbeit auftauchen, doch wer kann es ihr verdenken?

 

Die Handlung des Romans ist nicht überragend spannend oder außergewöhnlich, es kommt jedoch auch keine Langeweile auf. Durch verschiedene Perspektivwechsel und Rückblicke auf die Geheimnisse der Vergangenheit bekommt die Geschichte etwas Tiefgang und bewahrt das Buch vor Oberflächlichkeit.  Diese Liebesgeschichte unterscheidet sich in ihrer Art zwar von der eines Mr. Darcy und seiner Ms. Bennet, ist jedoch für sich allein genommen durchaus unterhaltsam. Die Verflechtung mit dem Original ist gelungen und wirkt nicht gezwungen, auch die Charaktere sind ausgearbeitet, wenn auch einige eine gewisse Tiefe vermissen lassen. Die Hauptfiguren selbst sind jedenfalls mit eigenständigen Verhaltens- und Denkweisen ausgestattet und wie sich langsam zarte Gefühle entwickeln ist sehr schön in die kleinen und großen Dramen des Lebens verwoben. 

 

Es mag kein muss für jeden Stolz und Vorurteil-Liebhaber sein, der Roman ist jedoch durchaus eine sehr schöne Ergänzung. Die Handlung folgt hier eindeutig dem Dienstmädchen und ergibt so einen nette Liebesgeschichte für zwischendurch, die gut in die Rahmenhandlung der Bennets eingewoben wurde, jedoch noch immer selbstständig überzeugen kann. 

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