Geständnisse - Kanae Minato

Am letzten Tag des Schuljahres tritt die Lehrerin Yuko Moriguchi vor ihre Klasse und verkündet ihnen, dass sie den Lehrerberuf aufgibt. Sie erzählt ihren Schülern von den Herausforderungen, denen sich eine allein erziehende Mutter in Japan stellen muss und schließlich auch, warum sie ihren Beruf nicht mehr ausüben möchte - es liegt am Tod ihrer Tochter. Doch was von der Polizei als Unfall behandelt wurde, ist tatsächlich etwas viel schrecklicheres. Die vierjährige Manami ist keineswegs im Schwimmbad der Schule ertrunken - sie wurde ermordet. Von Schülern aus Morguchis Klasse.

 

Doch sie möchte trotz der ihr gegenüber erfolgten Geständnisse der Mörder nicht einfach zur Polizei gehen, denn das japanische Jugendstrafrecht würde keine Gefängnisstrafe für die beiden Mörder bedeuten. Moriguchi fasst einen Entschluss und rächt sich- mit Auswirkungen, die noch viele Leben für immer verändern werden.

 

Nach dem Monolog der Lehrerin, der nicht nur ihre Beweggründe sondern auch einen Blick auf die japanische Gesellschaft offenbart und auf subtile Weise wesentlich mehr vermittelt als nur das Grundgerüst der Handlung folgen Briefe und Tagebucheinträge der unmittelbar betroffenen. Die Mörder, ihre Familien und auch eine Klassenkameradin kommen zu Wort und zeigen auf, was nach der Rache der Lehrerin passiert. Die familiären Strukturen in Japan vor und nach einem solchen Ereignis sowie der gesellschaftliche Umgang mit verschiedenen unangenehmen Themen werden dabei weiterhin einfühlsam beleuchtet, während die Handlungen nach dem öffentlichen Bloßstellen der Mörder vor der Schulklasse aus verschiedenen Richtungen eine spannende Handlung bilden.

 

Dabei ist besonders gelungen, Ereignisse an denen mehrere Personen beteiligt waren, aus verschiedener Sicht darzustellen. Hier brilliert die Autorin dabei, verschiedenen Ansichten und Erkenntnisse geschickt miteinander zu verweben - wie es im Leben so oft passiert. Denn letztlich sind es die Hintergründe und Gedanken der Personen, die ausmachen, was für diese die Wahrheit ist. Und während Kanae Minato die Wahrheit in all ihren Facetten darstellt, werden die verschiedenen Ansichten über Gewissen und Schuld von den jeweiligen Personen so verschieden interpretiert, dass jede einzelne Sichtweise an sich lesenswert ist.

 

Tief in die Charaktere eintauchen kann man hier weniger - die in Form von Briefen und Tagebüchern gehaltenen Berichte sind letztlich nur das: Berichte einer ausgewählten Zeitspanne. Dennoch kann man nachvollziehen, wie sich die Personen verhalten, denn man erkennt bestimmte Muster und Handlungsweisen, die eben jene Figuren ausmachen. Als Leser muss man sich zwangsläufig fragen, was der richtige Umgang mit minderjährigen Mördern ist und welche Entscheidungen man selbst in einer solchen Situation treffen würde. Daraus ergibt sich, dass dieser Roman noch lange nachklingt, denn leichte Kost ist das Thema selbstredend nicht. Und um zu verhindern, dass der Roman in eine zu philosophische Richtung abdriftet, schreitet die Handlung dramatisch voran und wartet am Ende mit einer unvorhergesehen Wendung auf, die letztlich wieder zu der einen großen Frage führt: Kann Rache jemals der richtige Weg sein?

 

Ich kann den Roman absolut weiter empfehlen, denn er ist ebenso außergewöhnlich wie großartig.