Die Frau im hellblauen Kleid

Die gefeierte Schauspielerin Marianne Altmann ist zutiefst entsetzt, als ihre Tochter ihr eröffnet, dass sie eine Dokumentation über ihre Familie drehen möchte. Schmutzige Wäsche waschen und Geheimnisse ausgraben in aller Öffentlichkeit? Auf gar keinen Fall! Doch ihre Tochter gibt nicht auf und schließlich sieht die Diva das Projekt tatsächlich als Chance für die jüngste im Bunde - ihre Enkelin Sophie, ebenfalls Schauspielerin. Doch hat Vera wirklich darüber nachgedacht, was es alles zu erzählen gibt?

 

Romane, welche die Geschichte einer Familie erzählen, weisen meistens das große Problem auf, dass eine der Generation im Verhältnis ein wenig langweilig wirkt. Das zumindest habe ich bislang feststellen müssen. Auch hier war ich zunächst skeptisch - die Urgroßmutter der berühmten Schauspielerinnen, die 1927 ihre Karriere begann und sich durch das Naziregime kämpfen musste weist alleine doch genug Stoff für einen spannenden Roman auf. Was soll es über die Töchter zu erzählen geben? Doch der Autorin gelingt es hier nicht nur durch geschickte Übergänge sondern durch den gesamten Aufbau der Erzählung den Spannungsbogen auch bei den folgenden Generationen aufrecht zu erhalten.

 

Im Vordergrund steht hier natürlich die Urgroßmutter, Käthe Schlögel. Die Tochter zweier Gemüsehändler entscheidet sich gegen den Willen ihrer Eltern für eine Karriere am Theater und verliebt sich ausgerechnet in einen jüdischen Drehbuchautoren. Gerade dies wird ihr zusätzlich zu den Intrigen und der Ellenbogengesellschaft des Theaters zu Beginn der 30er Jahre einige Steine in den Weg legen... Die geschickt ausgewählten Kapitel ihres Lebens erzählen von einer starken und mutigen jungen Frau, deren Herz am rechten Fleck sitzt und die den Grundstein legt für den Erfolg einer ganzen Familie.

 

Die Karriere und das Leben ihrer Tochter Marianne hingegen werden nur kurz angeschnitten und nicht zu tiefgehend beleuchtet, meist nur durch kurze Erzählungen der gealterten Diva selbst. Das hilft, dem Roman eine eindeutige Richtung zu geben und die Leser nicht mit zu vielen Details und Tragödien zu überschütten. Immerhin muss noch Zeit für die Gegenwart bleiben - Mariannes Tochter Vera und deren Tochter Sophie sollen auch ihren Auftritt im Roman erhalten.

 

Vera kann bei den Erfolgen ihrer Mutter und Großmutter nicht mithalten - ihre Karriere hat nie den entscheidenden Moment gehabt, tatsächlich kann sie gerade noch Auftritte in Werbungen erhalten. Gerade darum möchte sie umschwenken und sich in den Regisseurstuhl begeben. Behindert wird sie hierbei durch ihre Mutter, die nicht nur die Kontrolle über die Dokumentation nicht abgeben möchte sondern auch starken, unverblümten Hass gegen die Produktionsfirma der Familie Bleck empfindet, die Veras Projekt auf die Füße stellen soll. Die Gründe hierfür liegen zurück bis in die Nazizeit und werden nur zögerlich und nach und nach preisgegeben. Veras Kapitel drehen sich um die weniger glamourösen Seiten des Showbusiness und die Existenz- und Karriereängste, die eine Schauspielerin im fortgeschrittenen Alter durchleben muss. Über allem steht die große Frage, ob die Dokumentation jemals produziert werden kann oder ob die Geschichte der Altmannn-Dynastie ungehört und Veras Talent unentdeckt bleibt....

 

Karriereängste hat die Jüngste im Bunde nicht. Sophie Altmann ist beliebt, hübsch und auf dem aufsteigenden Ast - wenn nur nicht ihr desaströses Privatleben wäre. Nicht nur dass sie ihren Vater niemals kennen lernen konnte und sich in der Pflicht sieht, zwischen der unnachgiebigen Marianne und der sturen Vera zu vermitteln, sie hat sich auch noch in den falschen verliebt - einen jungen Mann mit Nachnamen Bleck. Doch kann sie die Fehde zwischen den Familien beenden, ehe ihre Beziehung daran zerbricht? Sophie muss entscheiden, was ihr wichtiger ist - die Karriere oder die Liebe.  Kann sie nicht vielleicht doch beides haben?

 

Durch die verschiedenen Kapitel, die jeweils aus der Sicht der vier Damen geschrieben werden, gewinnt der Leser einen fantastischen Einblick in die Gedanken und Erlebnisse der Schauspielerinnen, die sich allesamt zwar ähneln, jedoch vollkommen unterschiedliche Wege gehen. Dadurch, dass die Karriere von Marianne in den Hintergrund rückt, können sich die Geschichten in Vergangenheit und Gegenwart entfalten und miteinander verschmelzen, ohne den Leser zu langweilen oder gar zu überfordern. Etwa ab der Mitte des Romans entwickelt sich eine Sogwirkung die dafür sorgt, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Rasantes Tempo und Skandale gegen Ende des Buches tun ihr Übriges und bereiten ein grandioses Finale vor.

 

Ich - als absolut nicht von Generationsromanen überzeugte Leserin - kann Die Frau im hellblauen Kleid absolut empfehlen, ob man nun ein Fan dieses Genre oder der Filmindustrie sein mag oder nicht. Der fließende Schreibstil, die starken Charaktere und die beiden Spannungsbögen an beiden Punkten der Geschichte überzeugen mich vollkommen.