Kennen Sie diesen Mann? - Carl Frode Tiller

Stellt euch vor, ihr hattet einen Unfall und verliert euer Gedächtnis. Wie bekommt ihr den Zugang dazu zurück, was euch ausmacht? Wie findet ihr heraus, wer ihr wirklich seid? Was euch im Leben wichtig ist? Wie könnt ihr den Charakter, den ihr einst hattet verstehen, wenn keine prägenden Erinnerungen mehr vorhanden sind?

 

David muss sich damit herumschlagen und bittet in einer Zeitungsanzeige Verwandte und Bekannt auf, ihn zu kontaktieren. Sie sollen ihm einen Brief schreiben und wiedergeben, woran sie sich erinnern und wer er ihrer Meinung nach war.

 

Doch wie kann er wissen, welche dieser Briefe der Wahrheit entsprechen? Und was hat es zu bedeuten, wenn die darin beschriebenen Wesenszüge doch so gar nicht zueinander passen?

 

Der Roman selbst beschäftigt sich nicht damit, was genau David passiert ist und wie er auf die Briefe reagiert, er zeichnet jedoch ein Bild von denen, die ihm schreiben und wie sie David erlebt haben. 

 

Es beginnt mit seinem Jugendfreund Jon - Jon ist eine gescheiterte Seele. Seine Musikerkarriere steht vor dem Nichts, mit seiner Mutter und seinem Bruder versteht er sich nicht mehr und eine eigene Familie hat er niemals gegründet. Jon steckt zwischen Selbstvorwürfen, einem zynischen Blick auf die Welt und Verleumdung einiger wesentlichen Wahrheiten über sich selbst. Und er beginnt, zu schreiben. Er berichtet von der Jugendzeit der Beiden, von Entwicklungen und Erfahrungen die er mit David teilte und versucht dabei zu vergessen, dass er gescheitert ist. Doch kann man jemandem vertrauen, der gerade den Halt im Leben verliert? Sind seine Berichte über den verletzlichen, künsterlischen und selbstverleugnenden Jugendlichen, der David einst gewesen sein soll, tatsächlich die Wahrheit oder handelt es sich nicht vielmehr um einen Wunschtraum, um eigenes Verhalten und getroffene Entscheidungen zu rechtfertigen?

 

Den Halt verloren hat auch Davids Stiefvater Arvid. Der Pfarrer ist totkrank und wartet darauf, die sterbliche Welt zu verlassen. Er liest die Zeitung und macht es sich zur letzten Lebensaufgabe, David den Schlüssel zu seinen Erinnerungen zurückzugeben. Er schreibt von Glück und Streit in der Familie, von Davids verstorbener Mutter und von Davids Jugendzeit. Seine Auffassungen und Berichte passen jedoch nicht mit dem zusammen, was Jon erzählt hat. Denn Arvid sieht einen anderen David. Und die Leser müssen sich fragen, ob es tatsächlich ein anderer Blickwinkel auf einen vielschichtigen Jugendlichen ist, den wir in Arvids Brief kennen lernen.Oder ist der Brief nicht vielmehr der Versuch eines Sterbenden, eine andere Version der Ereignisse voller Rechtfertigung zu hinterlassen? Arvid schreibt über einen jungen Mann, der einige merkwürdige und abstoßende Züge aufwies und bereits im Jugendalter voller Probleme war - doch ist die Sicht eines besorgten Vaters, der sich selbst über alle Zweifel erhaben darstellt, tatsächlich zutreffend?

 

Und gerade wenn man sich fragt, ob die Sichtweisen von Jon und Arvid vernünftig in Einklang zu bringen sind, ohne dass David letztlich ein zerrissener Mensch sein muss, kommt der letzte Brief. Die Version des David, den seine Jugendliebe kannte.

 

Silje steckt mitten in einer Ehekrise. Sie ist unglücklich mit dem Leben, für das sie sich entschieden hat und für sie ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schon beinahe eine Rechtfertigung, die Kontrolle über ihre Gefühle zu verlieren. Und während ihr heiles Zuhause zerbricht, schreibt sie. Sie schreibt von einem jungen Mann mit einer poetischen Seite, der sich so viel weniger zynisch für Kunst begeisterte, als Jon das sieht. Sie schreibt darüber, wie wenig David doch letztlich von Jon und Arvid gehalten hat  und widerspricht dem, was die vorherigen Briefe aussagten. Sie schreibt über eine Jugendzeit voller Kunst und dem Versuch, erwachsen zu sein, ehe man es tatsächlich war. Und sie schreibt von Begegnungen mit dem Tod, die eine finstere Seite des jungen Mannes aufzeigen. Sie schreibt von einem David, der fasziniert war vom Tod und dem, was von uns bleibt. Silje schreibt von einem David, der eine Finsternis in sich trug und bereit war, diese auf andere zu übertragen...

 

Letztlich muss man sich als Leser selbst ein Bild davon machen, wie diese verschiedenen Versionen eines jungen Mannes zusammen passen. Sind sie alle wahr oder haben vielleicht sowohl Jon, Arvid als auch Silje gelogen? Haben alle von Davids Bekannten etwas zu verbergen?

 

Meiner Meinung nach greift der Autor hier eine interessante Frage auf und stellt diese auf außergewöhnliche Art dar. Seine Charaktere ein Bild eines jungen Mannes zeichnen zu lassen, ohne diese selbst den Lesern zu präsentieren ist ungewöhnlich und lässt den Thriller daher aus der Masse hervorstechen. Jedoch war ich vom Spannungsbogen ein wenig enttäuscht, denn gerade im Thriller Genre ist es üblich, die Handlung auf ein großes Finale hinauslaufen zu lassen. Mir persönlich fehlt am Ende eben jenes, denn nach dem dritten Brief endet das Buch ohne einige Fragen zu beantworten. So ist es interessant, jedoch nicht spannend. Es ist keineswegs langweilig geschrieben, doch für mich bilden die Briefe einen Rahmen, der nicht ganz gefüllt ist. Womöglich hätte der Autor David selbst eben doch zu Wort kommen lassen müssen, um die Handlung wirklich abzuschließen.

 

So lautet mein Fazit, dass Kennen Sie diesen Mann? ein sehr interessantes Buch ist, das eine ungewöhnliche Art des Erzählens hat, dem es jedoch an wirklicher Spannung fehlt. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Katrin (Sonntag, 01 April 2018 22:30)

    Also die Idee klingt echt mega cool, aber leider sind Thriller ABSOLUT nichts für mich �❤️