Nicht weg und nicht da - Anne Freytag

Nach dem Tod ihres Bruders macht Luise einen radikalen Schnitt: Sie trennt sich von ihrem mausgrauen Ich und ihren Haaren. Übrig bleiben drei Millimeter und eine Mauer, hinter die niemand zu blicken vermag. Als Jacob und sie sich begegnen, ist er sofort fasziniert von ihr. Doch Luise hält Abstand. Bis sie an ihrem sechzehnten Geburtstag eine E-Mail von ihrem toten Bruder bekommt - die erste von vielen. Mit diesen Nachrichten aus der Zwischenwelt und Jacob an ihrer Seite gelingt es Luise, inmitten dieser so aufwühlenden wie traurigen Zeit das Glitzern des Lebens wiederzufinden...

 

Ich könnte meine Meinung jetzt ganz kurz fassen: Dieser Roman  ist einfach wundervoll und JEDER sollte ihn lesen.

 

Warum? Dazu folgendes:

 

Luise  hat den Selbstmord ihres Bruders nicht verkraftet. Sie ist gefangen in einem Gefühlschaos aus Schmerz und Wut, voller Trauer, Verzweiflung und weiß nicht, wohin mit ihrem Gefühlen. Auf die Gespräche mit einem Psychologen, zu denen sie gezwungen wird, hat sie keine Lust und auch eine zunehmende Entfremdung zu ihrer besten Freundin geht nicht spurlos an ihr vorüber. Denn niemand will darüber reden. Und so redet Luise nicht - sie zieht sich zurück. Erfindet sich neu. Geht auf Abstand.

 

Doch gerade das ist es, das Jacob gefangen nimmt. Er will mehr erfahren über das hübsche Mädchen mit den traurigen Augen. Luise will dies zunächst nicht, doch als sie eine Mail ihres toten Bruders bekommt, der ihr Aufgaben zur Trauerbewältigung - oder auch einfach als Anker in dieser harten grausamen Gefühlswelt - schickt, lässt sie sich zumindest darauf ein, Kontakt mit Jacob zu haben. Und er versucht mit ihr die verschiedenen Stationen dieses schmerzhaften Weges zu gehen und ihr wieder die Schönheit des Lebens bewusst werden zu lassen. Vor allem mittels der großen Leidenschaft, die die beiden sofort verbindet - Musik. Und während die gemeinsame Playlist entsteht, entstehen beim Leser feuchte Augen. Denn Anne Freytag schreibt mit viel Gefühl und lässt ihre Charaktere sofort lebendig werden.

 

Und genau das ist es, das die Seiten  nur so fliegen lässt, während man Luises Schmerz wirklich fühlt. Ihre verschiedenen Emotionen von Selbstvorwürfen, über Wut bis hin zu hoffnungslosem Kummer werden durch den klaren, fließenden Schreibstil so deutlich dargestellt, dass man vergisst, dass Luise nicht real ist. Und über ihre Gedanken, Erinnerungen und Gefühle wird auch der Charakter von Kristopher spielend leicht lebendig - nur um eben dies nicht zu sein. Dadurch, dass sich die Autorin nicht nur darauf konzentriert, dass Luise ihren Bruder schmerzhaft vermisst, sondern auch warum gewinnt der Roman noch zusätzlich an Tiefe. Man lernt den Verstorbenen in verschiedenen Facetten kennen, bis der Verlust förmlich auf den Leser überspringt. Ja, ich bin wirklich traurig, Kristopher nie in einem eigenen Kapitel kennen zu lernen.

 

Doch stattdessen habe ich nicht nur Luise sondern auch Jacob getroffen - und es lohnt sich. Denn auch Jacob ist ein voll ausgereifter Charakter mit Eigenheiten, Interessen, Hobbys und einer Vergangenheit und wirkt ebenso glaubhaft wie das Mädchen, das sein Interesse geweckt hat. Seine Gedanken und Gefühle lassen einen jungen Mann entstehen, der vielleicht wirklich ein Grund ist, das Glitzern des Lebens wiederzufinden. Jacob kocht gerne, Jacob geht zum boxen, Jacob hat eine andere Einstellung zu Ordnung als sein Mitbewohner - Jacob ist alles Andere als eindimensional und hat somit seinen ganz eigenen Teil dieser Geschichte, er ist mehr als nur derjenige, der sich für das schöne Mädchen interessiert. 

 

Eben aufgrund jener Tiefe der Figuren entwickelt sich die Handlung und die Verbindung zwischen den Beiden wie von selbst. Es wirkt nicht gestellt, man muss keine abwegige Kette von Ereignissen schaffen, um die beiden aneinander zu ketten - denn es hat einfach gefunkt. Und zwar auf die selbe echte Weise, wie sie vielleicht jetzt gerade in einem Mietshaus in München, Berlin oder Rom stattfindet.

 

Die Charaktere von Anne Freytag haben mich bereits früher überzeugt und gerade hier sind sie wieder einmal sehr gelungen. Doch es sind nicht nur die "Hauptdarsteller", die Nicht weg und nicht da für mich ausmachen, es ist auch die Handlung an sich. Die Frage, wann die nächste E-Mail kommt und  vor welche Aufgabe diese Luise stellen wird, schafft eine wundervolle Grundspannung, um die Handlung voran zu treiben. Und so nimmt das Buch an Fahrt auf und zieht die Leser immer tiefer in den Bann einer schönen wie auch traurigen Geschichte rund um Verlust und die Pflicht, nach vorne zu blicken. 

 

Luise, Jacob aber auch Kristopher sollten definitiv in weitere Bücherregale einziehen, ein absoluter Lesetipp!

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