Todesschweigen - Claire Askew

In Edinburgh wird Detective Helen Birch zu einem Einsatz gerufen, der sie zutiefst erschüttert: ein Amoklauf am Three Rivers College. Der junge Ryan Summers hat dreizehn Studentinnen erschossen, dann die Waffe gegen sich selbst gerichtet. Was bleibt, ist die quälende Frage nach dem Warum. Während sich die Medien mit Spekulationen überschlagen, führen ihre Ermittlungen Helen Birch zu Ryans Mutter sowie zu den verzweifelten Angehörigen der Opfer. Doch beide Seiten verbergen Geheimnisse, und die Wahrheit scheint Helen immer mehr zu entgleiten...

 

Dieser Kriminalroman befasst sich mit einem sehr ernsten und tragischen Thema - einem Amoklauf. Claire Askews fließender plastischer Schreibstil ermöglicht es dem Leser, tief in die Gedanken und Gefühlswelt ihrer Protagonisten einzutauchen und zeichnet ein Bild von der Aufarbeitung des grausamen Verbrechens.

 

In verschiedenen Zeitabschnitten vor, während und nach dem Amoklauf zeigt die Autorin hier die Geschehnisse rund um Detective Birch, Moira Summers - Mutter des Täters - und Ishbel Hodgekiss - Mutter eines der Opfer.

 

Sie zeichnet ein Bild von Ermittlungen, die immer umfangreicher werden und die Polizei vor neue Herausforderungen stellt, die jedoch zunehmend schwieriger werden und die Frage aufwerfen, was die Rolle der Polizei nach der Tat denn nun ist. Der Täter steht fest und es stellt sich die Frage, ob man das Warum  überhaupt jemals beantworten kann. Birch versinkt in Papierkram und Arbeit, während der Medienrummel immer größer und die entstehenden Probleme immer mehr werden. Politische Debatten werden los getreten, die Morddrohungen gegen Moira Summers werden immer mehr und der zwielichtige Journalist Grand Lockley hat es sich zur Aufgabe gemacht, so viel Aufmerksamkeit auf seine Kolumne zu lenken, wie er nur kann.

 

Unter reißerischen Überschriften werden Geheimnisse werden aufgedeckt, immer mehr Menschen werden in den Strudel des Sensationsjournalismus hineingezogen und all dies sorgt nur dafür, dass Birchs Aufgabe immer schwieriger wird. Auch davor, die Angehörigen der Opfer zu verfolgen, machen die Medien und insbesondere Lockley keinen Halt. 

 

Ishbel kämpft währenddessen mit ihrer auseinander fallenden Ehe und tiefen Schuldgefühlen, die sie zu zerreißen drohen. Sich dem Tod ihrer Tochter stellen zu müssen, diesen akzeptieren und gar verarbeiten zu müssen, ist eine schier unlösbare Aufgabe für sie. Ishbel versinkt in Trauer und Wut über den tragischen Mord, Ryan Summers, die ganze Welt, die ihr ihre Tochter genommen hat. Und dann drohen dunkle Geheimnisse ihrer Tochter und auch von Ishbel selbst ans Licht zu kommen... Ishbels Kapitel zeigen das ganze Ausmaß der Verzweiflung, die diese Tat zur Folge hat und verleihen dem Buch eine weitere, tieftraurige, emotionale Komponente. Zudem führen gerade diese Kapitel vor Auge, wie grausam gerade die Zeit nach dem Vorfall wirklich ist und wie kraftlos die Angehörigen der Opfer der Aufarbeitung des Vorfalls gegenüber stehen. Ishbels Mann stürzt sich ganz in seine Wut und auch wie diese verschiedenen Arten, mit der Trauer umgehen, ihre ohnehin brüchige Ehe belasten, ist von der Autorin grausam realistisch eingearbeitet worden.

 

Grausam ist auch das, womit Moira Summers sich befassen muss... Als Mutter des Täters erhält sie Morddrohungen und wird von der Presse belagert. Auf Trauerfeiern ist kein Platz für ihre Trauer und es werden immer mehr Stimmen laut, die schreien, dass sie etwas gewusst haben muss. Moira kämpft mit Selbstvorwürfen und Suizidgedanken, während sie öffentlich immer tiefer in den Schmutz gezogen wird. Und Moira verbirgt etwas, etwas von dem sie auf gar keinen Fall möchte, dass die Öffentlichkeit es erfährt. Doch kann sie in so einer Situation tatsächlich Geheimnisse für sich behalten? Und kann sie jemals wieder Frieden finden, gefangen zwischen Trauer und Wut - auf ihren Sohn und sich selbst?

 

Dieses Buch widmet sich dem Thema sehr einfühlsam und zeigt doch in der ganzen grausamen Wahrheit, was nach einer solch schrecklichen Tat geschieht. Es zeigt, dass die Opfer nicht nur die Ermordeten sind und wie sich Trauer, Zorn und die quälende Frage, warum das alles geschehen ist, in verschiedenen Menschen festsetzt. Gleichzeitig wird Spannung aufgebaut, da man als Leser unbedingt wissen möchte, welche Geheimnisse verborgen sind und wie weit sich die drückende Atmosphäre noch zuspitzen wird. Moira, Ishbel und Helen sind die Hauptfiguren und bauen das Bild gerade durch die wechselnden Perspektiven weiter auf. Man liest von Trauerbewältigung und wechselt zu Morddrohungen, von schier endloser Polizeiarbeit zu Schuldgefühlen und Geheimnissen. Dieser Kriminalroman ist mehr als ein Buch über die Aufarbeitung eines grausamen Verbrechens, es ist eine spannende, umfassende Geschichte rund um die Folgen dieses verhängnisvollen Tages. Der Schreibstil der Autorin lässt die Seiten nur so fliegen, während sich dennoch die Gefühlswelt der Charaktere in ihrer gesamten Breite darstellt. Die Autorin berichtet durch verschiedene Augen von Geschehnissen, ohne diese zu werten und zeigt die unterschiedlichen Facetten der getroffenen Menschen, ohne sich ein Urteil über diese zu erlauben. All dies lässt Raum für eigene Gedanken und sorgt dafür, dass man sehr intensiv über jeden Aspekt - die Tat, die Opfer, die Verwandten des Täters und den Umgang in den Medien - nachdenkt. 

 

Ich kann "Todesschweigen" absolut empfehlen! Ein wirklich großartiges Buch über ein sehr schwieriges Thema.  

Kommentar schreiben

Kommentare: 0