Girl in the snow - Danya Kukafka

Eine verschlafene Kleinstadt in Colorado. Ein schreckliches Verbrechen, das drei Menschen mit ihren geheimsten Ängsten konfrontiert und die Idylle des Ortes am Fuße der Rocky Mountains jäh entlarvt. Denn alle wissen: Nichts geschieht ohne Grund.

 

In der verschlafenen Kleinstadt Broomsville wird der Leichnam der Jugendlichen Lucinda Hayes gefunden. Durch den hohen Schnee sind alle Spuren des Täters zerstört worden und die Kleinstadtpolizei muss sich unter ungewohnter Medienbeobachtung auf die Suche nach dem Mörder machen. Danya Kukafka legt hier jedoch weniger Wert auf die Ermittlungen und die Mördersuche, wie man es in einem Thriller handhaben würde, sondern offenbart die Abgründe in den Seelen der Kleinstadtbewohner. 

 

Drei Hauptprotagonisten, auf unterschiedliche Weisen in die Geschehnisse verstrickt, zeigen aus drei verschiedenen Perspektiven die Suche nach Antworten und das Leben in Broomsville. Die Autorin schafft es durch ihren Schreibstil, der sich den Personen und ihren verschiedenen Denkweisen und Erlebnissen wundervoll anpasst, alle Figuren mit sehr viel Tiefe und unterschiedlichsten Facetten auszustatten. 

 

Cameron Whitley ist die erste der drei Hauptfiguren und gleich die Interessanteste. Cameron war nie mit Lucinda befreundet, doch das hat ihn nie davon abgehalten, von ihr fasziniert zu sein. Er zeichnet sie, stellt ihr nach, beobachtet sie - kurzum, Cameron war von Lucinda besessen. Gleich zu Beginn wird man als Leser mit seinen wirren Gedanken konfrontiert und lernt einen zutiefst unsicheren, schüchteren Jungen kennen, der seine Obsessionen selbst nicht ganz versteht. Zu sagen, dass Cameron in Lucinda verliebt war, trifft es nicht, einen gewalttätigen Stalker will man in dem unscheinbaren und zurückhaltenden Künstler jedoch auch nicht sehen. Cameron ist kein einfacher Charakter und ihn tatsächlich zu verstehen, ist für den Leser nicht ganz einfach. Und genau das ist es, das den Reiz dieser Figur ausmacht. Seine wirren Gedanken und die Gedächtnislücken, die er selbst verursacht, in dem er sich weigert, an gewisse Dinge zu denken, machen neugierig und werfen die Frage auf, ob seine Obsession an einem verschneiten Winterabend nicht zu weit gegangen ist und ein grausames Ende erreichte.

 

Ein krasses Gegenteil zu Cameron ist der Charakter von Jade. Eine rebellische Jugendliche, die von ihrer Mutter misshandelt wird und mit sich selbst nicht zufrieden ist, kommt bald in Kontakt zu Cameron. Jade ist zynisch und verbringt viel Zeit damit, sich Gespräche auszumalen mit all den Dingen, die sie laut nicht sagen kann - ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Jade wollte, dass Lucinda verschwindet und täuscht auch keine Trauer vor. Sie sieht Lucinda auf eine ganz andere Weise als Cameron - teils getrieben von Eifersucht, teils von Verachtung betrachtet sie Lucindas Leben von außen. Jade selbst muss vieles bewältigen, das ihr in ihrem jungen Leben erfahren ist und gibt an einigen Dingen der Toten die Schuld. Zudem hat sie eine Obsession mit allem, das nicht in die heile Kleinstadt Gesellschaft passen möchte und meint schon bald, Zeichen der Verstorbenen zu sehen. Jades Kapitel sind im Gegensatz zu denen der anderen Charaktere aus der Ich-Perspektive geschrieben und bieten ihrem Charakter somit noch mehr Raum zur Entfaltung. Denn unter Jades harten, zynischen Äußeren steckt eine verwundbare Seele, die bereits viele Grausamkeiten erdulden musste. Durch Jade wird auch das Klima an der Schule und unter den Jugendlichen aus einem anderen Licht beleuchtet und man fragt sich, ob die Polizei tatsächlich die richtigen Verdächtigen verhört. 

 

Der Dritte im Bunde ist der Polizist Russ Fletcher. Er lebt ein nicht sehr erfülltes Leben, ständig gesteuert von anderer Leute Erwartungen und ohne wirklich eigene Ambitionen zu haben. Russ ist auf ganz andere Weise von dem Mordfall betroffen und das nicht nur, weil es in seinem Revier so selten einen Mordfall gibt. Er fühlt sich gefangen zwischen den Erwartungen des Reviers und denen seiner Frau - denn sein Schwager, der Schulhausmeister welcher die Leiche gefunden hat, ist einer der Hauptverdächtigen. Russ ist hin und her gerissen zwischen seinen verschiedenen Verpflichtungen und als Cameron in den Kreis der Verdächtigen aufgenommen wird, wird die Angelegenheit persönlich. Camerons Vater, Lee Whitley, war jahrelang Russ Vater und die beiden waren sich sehr nahe. Als Lee aufgrund dessen düsterer Schattenseiten aus Russ Leben verschwindet, entstand eine Leere, die bislang nicht gefüllt worden ist. Russ wird von Erinnerungen an die Vergangenheit und das Verlorene gequält, während er versucht, seine Arbeit zu machen ohne einen seiner Lieben auszuliefern. Doch was, wenn es für ihn keinen Ausweg gibt? Russ Kapitel sind düster, doch auf eine andere Weise als die von Cameron. Russ ist geprägt von Lethargie und Monotonie und sieht die Kleinstadt ebenfalls auf eine ganz andere Weise als die Teenager.

 

Letztlich ist es die Summe der drei Charaktere, die den Roman ausmachen. Die drei zeichnen ein trauriges Bild einer verschlafenen Kleinstadt und sorgen nur langsam für die Auflösung, wer letztlich der Täter war, Die weiteren Nebencharaktere, die mit ihnen interagieren sorgen dafür, dass jede Gesellschaftsschicht und die unterschiedlichsten Beteiligten aus mehreren Winkeln betrachtet werden. Es geht in diesem Roman nicht um eine spannende Suche nach einem Mörder sondern vielmehr um die Frage, auf welche verschiedenen Weisen Menschen in ihrem Leben feststecken können und ob es tatsächlich jemals nur eine Wahrheit über einen Menschen gibt.

 

Dieser Roman ist nicht unbedingt etwas für Thriller Fans, dennoch ist er durch die düstere Atmosphäre und den wechselnden Schreibstil durchaus lesenswert, wenn man mit der richtigen Erwartung heran geht. Es ist weniger Mörder suche als mehr Charakter Studie, wobei es nur im notwendigen Maße um die Verstorbene und mehr um die Hinterbliebenen geht - Menschen, die nicht unbedingt zum engsten Kreis des Opfers gehört haben und dennoch auf ihre verschiedenen Weisen von diesem Verbrechen geprägt werden. 

Denn nichts geschieht grundlos. 

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